Ein vollständiger Guide für die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring
Wer eine qualitative Bachelor- oder Masterarbeit schreibt, kommt an der qualitativen Inhaltsanalyse kaum vorbei. Neben dem Ansatz von Udo Kuckartz gehört die Methode nach Philipp Mayring zu den bekanntesten Verfahren zur Auswertung qualitativer Daten. An vielen Hochschulen ist sie sogar die Standardmethode, wenn Interviews oder andere Textquellen wissenschaftlich analysiert werden.
Der Grund dafür ist einfach: Die qualitative Inhaltsanalyse folgt einem klaren Ablauf und bietet eine nachvollziehbare Vorgehensweise. Statt Interviewaussagen nur zusammenzufassen, werden sie systematisch ausgewertet und inhaltlich geordnet. So entstehen Ergebnisse, die sich wissenschaftlich begründen und transparent darstellen lassen.
Viele Studierende haben anfangs trotzdem Respekt vor der Methode. Begriffe wie Kodierung, Kategorienbildung oder induktiv und deduktiv klingen zunächst kompliziert. Hat man den Ablauf jedoch einmal verstanden, wird schnell klar, dass die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring Schritt für Schritt funktioniert und sich gut erlernen lässt.
In diesem Guide erfährst du, was die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ist, wann sie eingesetzt wird und wie die einzelnen Arbeitsschritte aussehen
Was ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring?
Die qualitative Inhaltsanalyse ist eine Methode zur Auswertung von Texten. Sie wird eingesetzt, wenn Informationen nicht in Form von Zahlen, sondern als Sprache vorliegen. Typische Beispiele sind transkribierte Interviews, Gruppendiskussionen, offene Antworten aus Umfragen oder schriftliche Dokumente.
Das Ziel besteht darin, diese Texte systematisch zu untersuchen und die darin enthaltenen Informationen auszuwerten. Dafür werden ähnliche Aussagen zusammengefasst und bestimmten Kategorien zugeordnet. Auf diese Weise lässt sich auch umfangreiches Datenmaterial übersichtlich strukturieren.
Der große Vorteil der Methode nach Mayring liegt in ihrem festen Ablauf. Jeder Auswertungsschritt wird dokumentiert und folgt klaren Regeln. Dadurch können auch andere Personen nachvollziehen, wie die Ergebnisse entstanden sind.
Wann wird die qualitative Inhaltsanalyse eingesetzt?
Die Methode eignet sich immer dann, wenn Texte ausgewertet werden sollen. Deshalb wird sie in wissenschaftlichen Arbeiten besonders häufig verwendet.
Typische Anwendungsbereiche sind:
- Experteninterviews
- Leitfadeninterviews
- Narrative Interviews
- Problemzentrierte Interviews
- Gruppendiskussionen
- Offene Fragen aus Online-Umfragen
- Dokumentenanalysen
Ein einfaches Beispiel:
Du führst zehn Experteninterviews zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen. Jedes Interview dauert etwa eine Stunde und wird anschließend transkribiert. Am Ende liegen mehr als 150 Seiten Text vor.
Natürlich kann niemand alle Interviews einfach nebeneinanderlegen und daraus ein wissenschaftliches Ergebnis ableiten. Genau hier hilft die qualitative Inhaltsanalyse. Sie bringt Struktur in die große Menge an Informationen und macht Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zwischen den Aussagen sichtbar.
Wie funktioniert die qualitative Inhaltsanalyse?
Im Kern läuft die Methode immer nach demselben Prinzip ab.
Zunächst wird das vorhandene Textmaterial sorgfältig gelesen. Anschließend werden einzelne Textstellen markiert und passenden Kategorien zugeordnet. Diese Kategorien beschreiben bestimmte Themen oder Inhalte, die für die Forschungsfrage relevant sind.
Der Ablauf der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring
Auch wenn einzelne Forschungsprojekte unterschiedlich aufgebaut sind, folgt die qualitative Inhaltsanalyse grundsätzlich demselben Ablauf.
Schritt 1: Forschungsfrage festlegen
Am Anfang jeder wissenschaftlichen Arbeit steht eine klare Forschungsfrage.
Sie entscheidet darüber, welche Daten erhoben werden und worauf sich die spätere Auswertung konzentriert. Ohne eine präzise Forschungsfrage lässt sich kein sinnvolles Kategoriensystem entwickeln.
Beispiel:
Wie beeinflusst Künstliche Intelligenz die Arbeitsprozesse im Personalmanagement?
Alle weiteren Arbeitsschritte orientieren sich an dieser Fragestellung.
Schritt 2: Material vorbereiten
Bevor mit der eigentlichen Analyse begonnen werden kann, muss das Material vollständig vorliegen.
Bei Interviews bedeutet das in der Regel, dass die Audioaufnahmen transkribiert werden. Das gesprochene Wort wird also in einen schriftlichen Text übertragen.
Anschließend werden alle Transkripte noch einmal gelesen. Dabei verschafft man sich einen ersten Überblick über die Inhalte und wiederkehrende Themen.
Viele Studierende markieren sich bereits an dieser Stelle interessante Aussagen oder machen sich erste Notizen. Die eigentliche Auswertung beginnt jedoch erst im nächsten Schritt.
Schritt 3: Kategorien bilden
Die Kategorien sind das Herzstück der qualitativen Inhaltsanalyse.
Sie helfen dabei, ähnliche Aussagen zu bündeln und das Material übersichtlich zu strukturieren.
Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, Kategorien zu entwickeln.
Deduktive Kategorienbildung
Bei der deduktiven Vorgehensweise stehen die Kategorien bereits vor der Analyse fest.
Sie werden beispielsweise aus einem theoretischen Modell, einer bestehenden Studie oder dem aktuellen Forschungsstand abgeleitet.
Ein Beispiel:
Du untersuchst die Akzeptanz von Künstlicher Intelligenz anhand des UTAUT2-Modells.
Dann könnten Kategorien wie
- Leistungserwartung
- Aufwandserwartung
- Sozialer Einfluss
- Unterstützende Bedingungen
bereits vor Beginn der Auswertung festgelegt werden.
Während der Analyse prüfst du anschließend, welche Aussagen zu welcher Kategorie passen.
Induktive Kategorienbildung
Bei der induktiven Vorgehensweise gehst du genau andersherum vor.
Zu Beginn existieren noch keine Kategorien.
Stattdessen liest du das Material aufmerksam durch und beobachtest, welche Themen immer wieder auftauchen. Aus diesen wiederkehrenden Inhalten entwickelst du nach und nach passende Kategorien.
Ein Beispiel:
Mehrere Interviewpartner sprechen unabhängig voneinander über Zeitersparnis, bessere Zusammenarbeit und Datenschutz.
Dann könnten daraus die Kategorien
- Zeitersparnis
- Zusammenarbeit
- Datenschutz
entstehen.
Die Kategorien entwickeln sich also direkt aus dem Datenmaterial und nicht aus einer bestehenden Theorie.
Schritt 4: Material codieren
Jetzt beginnt die eigentliche Auswertung.
Du liest jedes Interview Zeile für Zeile durch.
Immer wenn eine Aussage zu einer Kategorie passt, markierst du diese Textstelle und ordnest sie der entsprechenden Kategorie zu. Dieser Vorgang wird als Kodieren bezeichnet.
Kategorie: Datenschutz
Diesen Schritt wiederholst du für alle Interviews, bis alle Aussagen einer Kategorie zugeordnet wurden.
Am Ende sind sämtliche relevanten Aussagen einer passenden Kategorie zugeordnet.
Schritt 5: Kategorien überarbeiten
Während der Auswertung fällt häufig auf, dass einzelne Kategorien zu breit oder zu eng formuliert sind.
Dann werden sie angepasst.
Manchmal werden zwei Kategorien zusammengeführt.
In anderen Fällen wird eine große Kategorie in mehrere Unterkategorien aufgeteilt.
Dieser Schritt gehört ganz selbstverständlich zur qualitativen Inhaltsanalyse. Das Kategoriensystem entwickelt sich oft während der Analyse weiter und wird immer präziser.
Schritt 6: Ergebnisse auswerten und interpretieren
Sind alle Interviews codiert, beginnt die eigentliche Auswertung.
Jetzt wird betrachtet,
- welche Themen häufig vorkommen,
- welche Unterschiede zwischen den Befragten bestehen,
- welche Gemeinsamkeiten erkennbar sind und
- welche Antworten zur Forschungsfrage beitragen.
Sind alle Interviews ausgewertet, können die Ergebnisse systematisch dargestellt und im Hinblick auf die Forschungsfrage interpretiert werden. Dabei werden Gemeinsamkeiten, Unterschiede und wiederkehrende Muster zwischen den Aussagen herausgearbeitet. Anschließend werden die Erkenntnisse mit dem aktuellen Forschungsstand oder geeigneten theoretischen Modellen verglichen und eingeordnet.
Wichtig ist, dass sich jede Interpretation auf die Aussagen der Befragten stützt und nicht auf persönliche Vermutungen. Alle Schlussfolgerungen sollten sich anhand der codierten Textstellen nachvollziehen lassen.
Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring hat sich über viele Jahre als fester Bestandteil der qualitativen Forschung etabliert. Ihr klar strukturierter Ablauf hilft dabei, auch umfangreiche Interviewdaten nachvollziehbar auszuwerten. Aus diesem Grund wird die Methode heute in zahlreichen Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten eingesetzt.