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Darf man in der Bachelorarbeit „ich“ schreiben?

Hände tippen auf einem Laptop, daneben ein Stift auf dem Schreibtisch

Irgendwann steht er da, mitten in deinem Entwurf. Ein roter Kommentar am Rand, drei Wörter lang. „Bitte kein Ich.“ Ein paar Wochen später liest du in einem Ratgeber, dass die Ich-Form inzwischen völlig in Ordnung sei. In der englischsprachigen Fachliteratur deines Fachs steht sie sowieso in jedem zweiten Artikel. Ist die Ich-Form in der Bachelorarbeit nun erlaubt oder nicht?

Die ehrliche Antwort ist unbequem. Es gibt keine Regel, die für alle Hochschulen und Fächer gilt. Es gibt aber ziemlich klare Muster, nach denen sich entscheiden lässt, wann das „ich“ hilft und wann es deiner Arbeit schadet. Um diese Muster geht es hier.

Woher das Ich-Verbot eigentlich kommt

Die Abneigung gegen die erste Person hat eine lange Geschichte. Wissenschaft sollte objektiv wirken. Objektiv hieß über Jahrzehnte, dass die forschende Person im Text unsichtbar bleibt. Daraus entstand ein Stil, der Handlungen ohne Handelnde beschreibt. „Es wurde eine Befragung durchgeführt.“ „Im Folgenden wird gezeigt.“ Dass hinter diesen Sätzen ein Mensch steht, der Entscheidungen trifft, sollte möglichst niemandem auffallen.

Inzwischen sehen das viele Fachleute anders. Wer eine Befragung durchführt, hat sich für eine Stichprobe, einen Zeitraum und ein Instrument entschieden. Diese Entscheidungen zu verstecken, macht eine Arbeit nicht objektiver. Es macht sie nur schwerer nachvollziehbar. Das APA-Manual in der siebten Auflage, nach dem in Psychologie, Pädagogik und vielen Sozialwissenschaften zitiert wird, empfiehlt deshalb ausdrücklich die erste Person, wenn du deine eigenen Arbeitsschritte beschreibst.

Viele deutsche Lehrstühle haben diesen Wandel aber noch nicht mitgemacht. Und genau deshalb kann derselbe Satz an einer Uni gelobt und an der nächsten angestrichen werden.

Was in deinem Fach üblich ist

Ein grober Überblick zeigt, wie die Ich-Form in der Bachelorarbeit je nach Fach gesehen wird. Er ersetzt aber nicht den Blick in den Leitfaden deines Instituts.

Fachrichtung Ich-Form Typische Haltung
Psychologie, Pädagogik, Soziologie meist erlaubt orientiert sich häufig an APA, die erste Person für eigene Schritte ist gern gesehen
Geisteswissenschaften oft erlaubt vor allem bei Deutungen und Positionierungen, sparsam eingesetzt
Wirtschaftswissenschaften gemischt hängt stark vom Lehrstuhl ab, viele bevorzugen das Passiv
Rechtswissenschaft selten Gutachtenstil und Urteilsstil kommen ohne „ich“ aus
Natur- und Ingenieurwissenschaften eher unüblich im Deutschen meist Passiv, in englischen Arbeiten zunehmend „we“

Wenn du dir unsicher bist, schau dir drei bis vier Abschlussarbeiten an, die dein Betreuer oder deine Betreuerin gut bewertet hat. Viele Lehrstühle stellen solche Arbeiten in der Bibliothek oder online bereit. Wie dort formuliert wird, ist ein besserer Anhaltspunkt als jeder allgemeine Ratgeber, diesen hier eingeschlossen.

Wo das „ich“ deiner Arbeit hilft

Es gibt Stellen, an denen die erste Person schlicht die ehrlichste und klarste Formulierung ist. Das betrifft vor allem drei Bereiche.

Der erste ist der Methodenteil. Hier beschreibst du, was du getan hast und warum. „Ich habe mich für leitfadengestützte Interviews entschieden, weil …“ ist präziser als „Es wurde sich für leitfadengestützte Interviews entschieden“, ein Satz, der übrigens grammatisch auch noch holpert.

Der zweite ist die Begründung von Entscheidungen, die du als Autor oder Autorin getroffen hast. Eingrenzungen des Themas, die Auswahl bestimmter Theorien, der Verzicht auf einen Aspekt. Wer hier das „ich“ benutzt, übernimmt Verantwortung für seine Wahl. Das wirkt souverän, nicht unwissenschaftlich.

Der dritte ist die Reflexion. In qualitativen Arbeiten, Reflexionsberichten oder Praxisarbeiten wird von dir erwartet, dass du deine eigene Rolle mitdenkst. Ohne erste Person wird das schnell gestelzt.

Wo es dir schadet

Das Problem ist selten das Wort „ich“ selbst. Es ist das, was danach kommt. Drei Muster fallen Prüfenden besonders unangenehm auf.

  • Meinung statt Argument. „Ich finde, dass Homeoffice die Produktivität steigert“ ist eine Privatmeinung. „Die Befunde von Bloom et al. sprechen dafür, dass …“ ist ein wissenschaftliches Argument. Hier hilft dir das „ich“ nicht, es entlarvt eher, dass der Beleg fehlt.
  • Gefühle als Begründung. „Ich habe das Gefühl, dass die Literatur dieses Thema vernachlässigt“ wird erst dann zu einer Aussage, wenn du zeigst, wo und wie die Lücke aussieht.
  • Das Ich in jedem dritten Satz. Wer sich ständig selbst erwähnt, lenkt vom Gegenstand ab. Die Arbeit liest sich dann wie ein Tagebuch.

Eine einfache Faustregel trägt erstaunlich weit. Verwende „ich“ für das, was du getan und entschieden hast. Verzichte darauf bei dem, was du herausgefunden oder gelesen hast. Ergebnisse und Literatur stehen für sich.

Gute Alternativen, wenn das Ich nicht erwünscht ist

Verbietet dein Lehrstuhl die erste Person, musst du nicht in endlose Passivketten verfallen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, aktiv und trotzdem ich-frei zu schreiben.

Die Arbeit als Subjekt. „Die vorliegende Arbeit untersucht …“ oder „Diese Studie zeigt …“ ist in fast allen Fächern akzeptiert. Übertreib es nur nicht, sonst klingt jeder Absatz gleich.

Das Kapitel als Subjekt. „Kapitel 3 stellt die Methode vor“ ist klarer als „Im dritten Kapitel wird die Methode vorgestellt“.

Das Passiv, aber gezielt. Das Passiv ist nicht verboten, es ist nur überstrapaziert. Wo der Handelnde wirklich unwichtig ist, passt es gut. „Die Daten wurden im März 2026 erhoben“ ist völlig in Ordnung.

Das unpersönliche „man“. Viele Betreuende sehen es nicht gern, weil es umgangssprachlich wirkt. Einmal pro Kapitel fällt es kaum auf, als Dauerlösung taugt es nicht.

Wovon wir abraten, ist das sogenannte Autoren-Wir in einer Arbeit, die du allein geschrieben hast. „Wir zeigen im Folgenden“ wirkt bei einer einzelnen Person merkwürdig distanziert. In Gruppenarbeiten ist das „wir“ dagegen die natürliche Wahl.

Drei Sätze, vorher und nachher

Am Beispiel wird schnell klar, wie viel die Wahl der Perspektive ausmacht.

Vorher „Es wurde entschieden, die Befragung auf Studierende der Universität Köln zu beschränken, da es so ermöglicht wurde, eine homogene Stichprobe zu gewinnen.“

Mit Ich „Ich habe die Befragung auf Studierende der Universität Köln beschränkt, um eine homogene Stichprobe zu gewinnen.“

Ohne Ich, aber aktiv „Die Befragung beschränkt sich auf Studierende der Universität Köln. Diese Eingrenzung sorgt für eine homogene Stichprobe.“

Beide überarbeiteten Varianten sind kürzer und verständlicher als das Original. Welche davon du wählst, entscheidet am Ende dein Fach. Schlechter als die Passivkette ist keine.

Einheitlich bleiben ist wichtiger als die richtige Wahl

Ein Punkt wird oft übersehen. Prüfende stören sich weniger an der einen oder anderen Form als an einem Wechsel mitten im Text. Wer in der Einleitung „ich“ schreibt, im Methodenteil ins Passiv kippt und im Fazit plötzlich „wir“ verwendet, wirkt unentschlossen. Leg dich deshalb früh fest und halte die Perspektive durch.

Das gilt übrigens auch für andere sprachliche Grundentscheidungen, zum Beispiel beim Gendern. Wie du dort zu einer einheitlichen Lösung kommst, haben wir im Beitrag Gendern in wissenschaftlichen Arbeiten zusammengefasst.

Am besten einfach fragen

Die schnellste Lösung ist oft eine kurze Mail an deinen Betreuer oder deine Betreuerin. Eine Frage wie „Ist die Ich-Form im Methodenteil für Sie in Ordnung?“ kostet zwei Minuten und erspart dir im schlimmsten Fall das Umschreiben von vierzig Seiten. Niemand wird dich für diese Frage schlechter bewerten. Sie zeigt eher, dass du dir über deinen Stil Gedanken machst.

Wenn du allgemein an deinem wissenschaftlichen Ton arbeiten willst, findest du in unseren 15 Tipps zum wissenschaftlichen Schreiben weitere Ansatzpunkte. Und was Prüfende beim Lesen sonst noch auf dem Schirm haben, steht im Beitrag Was Prüfer wirklich sehen wollen.

Du hast deine Arbeit fertig und bist unsicher, ob Perspektive, Ton und Ausdruck stimmen? Unser Lektorat und Korrektorat prüft genau das und sorgt dafür, dass dein Text von der ersten bis zur letzten Seite aus einem Guss klingt.

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